Preis der Nationalgalerie 2017

© Foto: David von Becker

Preisträgerin

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Foto: David von Becker

Agnieszka Polska

(geboren 1985 in Lublin, lebt in Berlin)

Begründung der Jury:

In ihrem scharfsinnigen Werk behandelt Agnieszka Polska einige der dringendsten Fragen unserer Zeit. Sie baut eine poetische und affektbetonte Spannung zwischen den visuellen und akustischen Sprachen unseres digital geprägten Alltags auf. Dabei bezieht sie sich auf moderne und zeitgenössische Weltentwürfe, wie naturwissenschaftliche Theorien, frühe Animationsfilme und die utopischen Tendenzen der Avantgarde. Ihre Arbeiten gleichen Untersuchungen zu den unterschiedlichen Zeitlichkeiten in unserem Universum, die unsere Vorstellungen von Menschsein und Menschlichkeit in Frage stellen. Ihre Perspektive lässt sich mit einem Satz des Sonnen-Charakters aus ihrem ausgestellten Film beschreiben: „Mein Blick bewegt sich in konstanter Geschwindigkeit und alles wurde unumkehrbar in dem Moment, in dem ich es sah.“ Die Jury gratuliert Agnieszka Polska und freut sich auf ihre Ausstellung in der Nationalgalerie im Herbst 2018.

Shortlist

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Foto: Alexander Coggin

Sol Calero

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© Iman Issa

Iman Issa

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© Foto: Robert Newald

Jumana Manna

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© Agnieszka Polska

Agnieszka Polska

Shortlist-Ausstellung

29. September 2017 – 14. Januar 2018
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

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Jumana Manna | Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin | © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor Good / Courtesy the artist & CRG Gallery, New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Jumana Manna erkundet in ihren Filmen und Skulpturen die Wechselwirkungen von sozialen, politischen oder zwischenmenschlichen Machtgefügen mit dem menschlichen Körper. Ihre Filme verknüpfen Fakt und Fiktion, Autobiographisches und Archivmaterial, um die Überschneidungen und Konstrukte nationaler und ideologischer Narrative zu untersuchen. Ein Bezug zu ihrer eigenen Person ist, wie bei dem ausgestellten Film über die Musiktraditionen der rund um Jerusalem lebenden Ethnien, für ihr Werk kennzeichnend.

In ähnlicher Weise fragt auch Iman Issa nach der Relevanz und Gegenwärtigkeit von geerbter Kultur. Bei ihren Skulpturen aus der Serie der „Heritage Studies“, die zunächst wie reduzierte Studien zu Form und Material wirken und einen primär formalästhetischen Diskurs zu führen scheinen, handelt es sich um die skulpturale und subjektive Aneignung alter Kunstwerke und Kulturgüter durch den heutigen Blick der Künstlerin. Issas Skulpturen, zu denen jeweils ein Text gehört, teilen mit ihren Vorbildern also andere Parallelen als eine visuelle und formale Ähnlichkeit.

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Iman Issa: Heritage Studies, 2015-2017 | Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin | © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy the artist and carlier | gebauer
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Agnieszka Polska: What the Sun Has Seen (Version II), 2017 | Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin | © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy Zak Branicka Galerie, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

Auf eine ebenso verschlüsselte Aneignung vorgefundener kultureller Erzeugnisse treffen wir in den beiden Animationsfilmen von Agnieszka Polska. Doch entstammen ihre Referenzen weder der fernen Vergangenheit, noch der Hochkultur. Vielmehr ist ihre Bildcollage ein verschlüsseltes Inventar der Gegenwart, das das kollektive Unbewusste heraufbeschwört, das sich World Wide Web nennt. Von einem beunruhigenden Unterton getragen, stellen die miteinander verknüpften Filme auf eine poetische und persönliche Weise die Frage nach dem Zustand der gegenwärtigen Welt und unserer Rolle und Verantwortung.

Ebenso wie Polska arbeitet auch Sol Calero mit einer uns bekannt erscheinenden Ästhetik. Ihr Interesse gilt einer „lateinamerikanischen Identität“ und deren kulturellen Codes. In ihren raumgreifenden Installationen verbinden sich Elemente traditioneller Architektur, die Ästhetik der Tropen und soziale Interaktion. Spielerisches verknüpft sich mit einem kritischen Ansatz, der das Paradoxon der „Selbst-Exotisierung“ verdeutlicht und Prozesse der Exotisierung ins Visier nimmt, die Bilder und Gemeinschaften in Klischees verwandeln.

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Sol Calero: Amazonas Shopping Center, 2017 | Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin | © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor Good / Courtesy the artist, Laura Bartlett Gallery, London

Preisträger Förderpreis für Filmkunst

Sandra Wollner mit dem Film „Das unmögliche Bild“

Begründung der Jury:

Sandra Wollners ruhige Meditation über den Zyklus des Lebens scheint zwischen Dokumentarfilm und Fiktion zu schweben. Es ist ein Film über Leben und Tod auf vielerlei Ebenen und es ist ebenso – und noch grundsätzlicher – ein Film über Wiederholung: über die Wiederholung des Schicksals, über das Wiederkehren von Erinnerungen und ihre Ähnlichkeit zum Medium des Films als einem Bewahrer des Lebens in Form einer konservierten und wiederholbaren Erinnerung. Der Film, der in einem geräumigen Haus im Österreich der 1950er Jahre spielt, nutzt die Ästhetik und Atmosphäre von Archivmaterial. Die Kameraführung und die Art und Weise, wie Inhalte erzählt werden, haben den Anschein einer dokumentierten

Vergangenheit, die uns die Erzählerin aus erster Hand nahebringt. Ab und zu nimmt sie auch buchstäblich den Platz hinter der Kamera ein. Sie erzählt und zeigt uns Szenen aus ihrem Leben, die aus den Tiefen ihrer Erinnerung kommen und von einem Standpunkt jenseits ihrer eigenen Lebenszeit aus betrachtet werden. Der Zuschauer kann sich kaum des Gefühls erwehren, dass sie uns tatsächlich einen Einblick in ihre eigene, selbst erlebte Geschichte und die ihrer Familie gewährt.

Sandra Wollner überzeugte die Jury mit ihrer virtuosen Beherrschung der filmischen Sprache, die sie mit großer Genauigkeit, mit Kreativität und Leichtigkeit einsetzt. Sowohl in den sorgfältig orchestrierten als auch in den scheinbar beliebigen Momenten, zeichnet sich der Film immer durch enorme Präzision aus. Er ist ein zyklisches Puzzle, in dem sich jedes Teil zusammenfügt. Seine Teile sind auf vielerlei Arten miteinander verbunden und konstruieren eine narrative Struktur, die über eine lineare Erzählung weit hinausgeht. Die Grenzen zwischen einem experimentellen Kunstwerk, einem Dokumentarfilm und einem Spielfilm verschwimmen. Zudem scheint Wollners Arbeit die Stärken eines Romans, eines Gemäldes und einer musikalischen Komposition miteinander zu verbinden und Elemente zu verwenden, die nicht inhärent oder notwendigerweise filmisch sind. Das Ergebnis ist ein Kunstwerk, das sich schwer mit Worten beschreiben lässt.

Erste Jury

Meret Becker

Alexander Beyer

Natasha Ginwala

Alice Motard

Alya Sebti

Zweite Jury

Zdenka Badovinac

Sven Beckstette

Hou Hanru

Udo Kittelmann

Sheena Wagstaff